Beim Hören des Saitenspiels

im Dialog mit einem Gedicht von Li Duan (ca. 743-782)
für Gitarre solo (2026), 10 Min.

Vor einiger Zeit bekam ich von einer treuen Besucherin meiner Konzerte ein kleines Buch mit alten chinesischen Gedichten geschenkt. Eines dieser Gedichte – es stammt aus der Zeit der Tang-Dynastie und wurde von Li Duan geschrieben (~743-782) – inspirierte mich zum Komponieren. Es ist ein subtiles Liebesgedicht, bei dem das Verfehlen der Saiten beim Musizieren auf einer chinesischen Zither in produktiver Weise umgedeutet wird, um dadurch die Aufmerksamkeit des Geliebten zu erlangen. Das kurze Gedicht hat dabei eine sehr strenge Form im Kreuzreim, bestehend aus vier Versen mit jeweils nur fünf Zeichen. Diese Textarchitektur wurde auch formbildend bei meiner Komposition für Gitarre. Ich hoffe, dass die von mir verfehlten Saiten nun ebenso die entsprechende Aufmerksamkeit finden werden. Zumindest möchte meine Musik zu einer Übung im genauen Hören einladen.

Li Duan (ca. 743-782)

聽箏

鳴箏金粟柱,
素手玉房前。
欲得周郎顧,
時時誤拂弦。

Tīng zhēng

Míng zhēng jīnsùzhù,
sùshǒu yù fáng qián.
Yù dé zhōu láng gù,
shí shí wù fú xián.

Beim Hören des Saitenspiels

Der Zither Klang gleicht ihrem goldnen Holz.
Vorm edlen Haus die weißen Hände gleiten.
Um einen Blick des Liebsten zu erlangen,
verfehlen sie des öfteren die Saiten.

(Übersetzung aus dem Chinesischen von CHEN Chengwen + Tobias Klich, 4.1.2023)